März 2017 Maria-Magdalenen-Kirche

Monatsspruch März:
Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der HERR.

3. Mose 19, 22

Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich mich in der vollen S-Bahn oder im Bus frage, ob wohl ein Jugendlicher, ein jüngerer Mensch für mich aufstehen und mir einen Platz anbieten würde. Ob es das wohl noch gibt, wie in meiner Jugendzeit? Wir mussten immer aufstehen, wenn in unseren Augen alte Menschen kamen. Natürlich hatten wir jüngere Beine und konnten besser stehen, war die Annahme. Dabei waren auch wir mittags müde von der Schule.
Wahrscheinlich sehe ich nicht so gebrechlich aus, dass jemand das täte, aufzustehen und mir seinen Platz anzubieten. Und ich möchte natürlich auch nicht so wirken - mit Mitte 50. Selbstverständlich scheint es jedenfalls nicht mehr zu sein, dass jemand für Ältere aufsteht. Dabei wäre sitzen können ganz schön...
Irgendwann merkte ich außerdem, ich gehöre nicht mehr zur Altersgruppe derjenigen, die aufstehen müssen. Da hat sich definitiv etwas geändert. Das entwickelt sich schleichend, dass man zu den Älteren gehört. Obwohl, wenn ein sehr alter Mensch käme und keiner stünde auf - das kann ich mir immer noch vorstellen, dann meinen Platz anzubieten.
Ich glaube, keiner würde einen angebotenen Platz ausschlagen. Oder doch? Würde ich mich nicht eher so fühlen: Siehst du, nun hast du es, du bist alt in den Augen der anderen! Dieses Gefühl schätzen wir Heutigen überhaupt nicht mehr, meine ich. Das gefühlte Alter und das nach Zahlen klaffen oft weit auseinander.
Und so sieht man heute eben auch sehr alte Menschen stehen in Bus und Bahn, was wahrscheinlich nicht nur auf die Unachtsamkeit der jüngeren Umgebung zurückzuführen ist, sondern auch auf dieses Phänomen. Man könnte einem älteren Menschen eben auch zu nahe treten mit diesem Angebot.
Darum kann es richtig schwierig sein, die Jüngeren dieses alte Gebot zu lehren, wenn die Älteren es selber gar nicht mehr so annehmen mögen. Man muss sich sehr genau überlegen, ob man die alten Zeiten wirklich zurückwünscht oder nicht doch besser die jetzigen zu verstehen versucht.

Mit herzlichen Grüßen Pastorin Susanne Lehmann